Selbstbestimmung und Verantwortung

Selbstbestimmung und Verantwortung

Welcher Schritte bedarf es, damit die Akteure der digitalen Gesellschaft sich so zueinander verhalten, dass die positiven und notwendigen Effekte von Privatheit vermehrt und nicht erodiert werden?

Der Forschungsbereich „Selbstbestimmung und Verantwortung“ soll sich der Frage widmen, inwieweit es autonome Entscheidungen und Lebensweisen in Zeiten der ubiquitären Digitalisierung geben kann und wie (kulturelle) Differenzen von Autonomiebegriffen und Mediennutzungspraktiken hierauf einwirken. Der Bereich berücksichtigt, dass Überwachung nur dann negativ und privatheitsschädigend erscheint, wenn Informationen von Überwachten gegen ihren Willen oder ohne ihr Wissen verarbeitet werden. Die zunehmende Komplexität, Virtualisierung und Automatisierung vernetzter Systeme, in denen wir unsere Lebenswirklichkeit abbilden, weckt dabei grundsätzlich Zweifel an der Selbstbestimmtheit bei der IT- und Internetnutzung, die in der juristischen Literatur auch als „Plug and Play-Falle“ beschrieben wird.

In den Fokus dieses Forschungsbereichs werden die Fragen gerückt, welche Bedeutung und welchen Wert Privatheit im privaten und geschäftlichen Miteinander aufweist. Dass Privatheit einen solchen Wert besitzt, lässt sich aus verschiedenen Grundrechten herleiten und wird auch in philosophischen Positionen unisono bekräftigt (Rössler 2001). Zugleich jedoch wird eine Quantifizierung von Privatheit unter ökonomischen Maximen betrieben, die mehr als nur „social goods“ (Walzer 1983, 20) meint. In den Renditelogiken ökonomischer Systeme entsteht so die Option, den eigenen Grad an Autonomie und Privatheit sukzessive aufzugeben, um damit ökonomische, soziale oder kulturelle Gewinne zu erzielen, die sich aus einer anderen Perspektive aber gerade als Verlust darstellen. Die oftmals noch minderjährigen YouTube-Stars, die intime Einblicke in ihr Privatleben gewähren, um damit Aufmerksamkeit, Anerkennung und auch reale wirtschaftliche Gewinne zu erreichen, stellen hier nur eines von vielen Beispielen dar.

Der Aspekt der Verantwortung ist eng an solche Prozesse geknüpft und sucht Antworten auf eine Frage, die bislang nicht befriedigend beantwortet wurde: Wer trägt die rechtliche, politische, ethische, soziale oder auch ökonomische Verantwortung für die Veränderungen, die Prozesse der Digitalisierung auf allen Ebenen von Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur mit sich bringen? Die nachlassende Steuerungsfähigkeit des Rechts in hochtechnischen Lebensumgebungen, die politische Ohnmacht gegenüber „souveräner Grenzüberschreitung“ ausländischer Mächte, der kaum mehr einzuholende Regulierungsrückstand bei einer teilweisen Konzeptlosigkeit der Netzpolitik: Dies weckt den Bedarf an einer wissenschaftlichen Diskussion zu Verantwortung und Folgenabschätzung digitaler Umwälzungen, auch unter dem Aspekt eines nachhaltigen Schutzes von Privatheit für nachfolgende Generationen.

Gegenstand des Forschungsbereichs sind konzeptionelle Überlegungen und alternative Lösungsansätze für die Frage danach, wie Selbstbestimmung und oftmals fehlendes Verantwortungsbewusstsein auf vielfache Weise auf Privatheit einwirken, diese wandeln und zuweilen gefährden. Entwickelt werden sollen hierbei interdisziplinäre Ansätze, in denen es gelingt, alle relevanten Akteure einzubinden. Dies beinhaltet zentral die Frage danach, welche Rolle der Umgang mit Privatheit bei der Formierung einer Ethik für digital strukturierte Lebenswelten einnehmen kann und muss.

Forschungsfragen

  • Privatheit als universelles Menschenrecht. Notwendige und wünschenswerte Grenzen der Selbstoffenbarung aus ethischer Perspektive
  • Reichweite und Grenzen der Selbstbestimmung und Einwilligung
  • Medienkompetenz als Mittel des Privatheitsschutzes / private data literacy
  • Verantwortung staatlicher, rechtlicher und wirtschaftlicher Organe vs. Verantwortung natürlicher Personen
  • Formen der Autonomie im Zeitalter der Digitalisierung
  • Rolle von Anonymität für Selbstbestimmung und Verantwortung

Ziele

  • Ausarbeitung der Schutzpflichten und der Eingriffsgrenzen des Staates in Bezug auf Privatheitsformen unter den Bedingungen der Digitalisierung
  • Neue Praktiken der Selbstermächtigung und notwendige Formen der Verantwortung in Zeiten ubiquitärer Digitalisierung

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